Der demografische Wandel
Der demographische Wandel wird die Gesellschaft, die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in Deutschland und den anderen europäischen Ländern in den nächsten Jahrzehnten bedeutsam verändern und somit vor gewaltige Herausforderungen stellen.
Während kurzfristig keine Schrumpfung des Erwerbspersonenpotenzials auf breiter Front kein Mangel an Arbeitskräften zu erwarten ist, stellt die Alterung des Erwerbspersonenpotenzials auf mittlere Sicht die tatsächliche demografische Herausforderung dar. Auf diese Veränderung sind weder die Betriebe noch die Beschäftigten wirklich vorbereitet – als Stichworte seien genannt: Frühverrentung, Lebenslanges Lernen, Gesundheitsprävention, alternsgerechte Arbeitsbedingungen und –organisation.
Der demografische Wandel in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erzwingt „nicht nur (…), dass ein höherer Anteil der heute 55–64-Jährigen im Arbeitsleben verbleibt, sondern auch, dass ein viel größerer Anteil derjenigen, die heute in ihren Vierzigern oder Fünfzigern stehen, länger arbeitet“ (Taskforce Beschäftigung 2003, S. 9).
Die Entwicklung der Bevölkerungszahlen in der EU
Am 1. Januar 2003 zählte die Europäische Union (EU-15) insgesamt 379,5 Millionen EinwohnerInnen. Zwischen 1960 und 2003 wuchs die Bevölkerung in den alten EU-Ländern um 64,7 Mio., wobei das Bevölkerungswachstum von den 60er Jahren bis zur zweiten Hälfte der 80er Jahre stark zurückging. In diesem Zeitraum sank das durchschnittliche jährliche Wachstum von 0,9 Prozent auf 0,3 Prozent. In den letzten fünf Jahren hat sich die Bevölkerungswachstumsrate wieder leicht auf durchschnittlich 0,4 Prozent pro Jahr erhöht und auf diesem Niveau stabilisiert. Allerdings ist das Bevölkerungswachstum in der EU-15 seit Anfang der 90er Jahre hauptsächlich auf den positiven Wanderungssaldo zurückzuführen. Im Jahr 2002 wiesen nur drei Länder – Irland, Frankreich und die Niederlande – ein nennenswertes natürliches Wachstum auf. In Italien, Griechenland und Deutschland wird dagegen ein negatives natürliches Wachstum durch Zuwanderung ausgeglichen (vgl. Eurostat 2004).
In den neuen EU-Mitgliedsstaaten ist – mit Ausnahme von Malta und Zypern – ebenso wie in den Kandidatenländern der nächsten Beitrittsrunde eine Schrumpfung der Bevölkerung zu beobachten. Bemerkenswert ist auch, dass sich in den Beitrittsländern ein größerer Anteil der Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 30 Jahren befindet. Ein zukünftiges Problem könnte sich daher (nach dem Ende der Übergangsregelungen für Arbeitnehmerfreizügigkeit) aufgrund des deutlichen Arbeitsmarktgefälles aus einer starken Arbeitskräftezuwanderung von den ehemaligen Ostblockstaaten in die alte EU-15 entstehen.
Abbildung 1: Alterspyramide am 01.01.2003
Quelle: Europäische Kommission 2004
Die demografische Entwicklung ist europaweit durch regional sehr unterschiedliche Geburtenraten und Wanderungssalden gekennzeichnet. Die in Abbildung 2 dargestellten Zahlen stammen zwar aus einer etwas älteren Bevölkerungsprognose, nach wie vor trifft jedoch zu, dass für die Zukunft keine einheitlichen Entwicklungen bezüglich Bevölkerungsgröße, -veränderungen und Alterstruktur zu erwarten sind.
Abbildung 2: EU-Regionen mit dem stärksten Wachstum bzw. Rückgang der Bevölkerung (Voraussichtliche Veränderung der Bevölkerung zwischen 1995 und 2025 in Prozent)
Quelle: INIFES, eigene Darstellung nach Eurostat 1999, S. 1
Die Entwicklung der Altersstrukturen in der EU
Im internationalen Vergleich zeigen sich deutliche Unterschiede in der altersstrukturellen Entwicklung. In den kommenden Jahrzehnten wird sich die demografische Alterung der EU erheblich beschleunigen. Der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 bis 64 Jahre) wird in der EU-15 zukünftig zurückgehen, und zwar von 66,7 % (2004) auf 56,5 % (2050). Besonders stark sinken wird der Anteil der 15- bis 64 Jährigen vor allem in den südlichen EU-Staaten als Folge der schon heute geringen Geburtenraten: Im Jahr 2050 werden die niedrigsten Anteile in Portugal (55,0%) Griechenland (55,2%), Italien (53,5%) und Spanien (52,9%) zu verzeichnen sein.
Hauptursache für die dargestellte Entwicklung sind drei wichtige Einflüsse:
- die Geburtenraten gingen zwischen 1960 und 1980 kontinuierlich zurück,
- die Lebenserwartung stieg stetig an und
- die geburtenstarken Jahrgänge erreichen allmählich das Rentenalter.
Der letzte dieser drei Faktoren wird nur ein vorübergehendes, dafür aber besonders massives demografisches Ungleichgewicht zur Folge haben, während im Gegensatz dazu die anderen beiden Größen längerfristige und dauerhafte Implikationen mit sich bringen, z.B. im Hinblick auf das Renten- bzw. Pensionssystem.
Dieses vorübergehende Ungleichgewicht betrifft besonders auch die Gruppe der älteren Erwerbsbevölkerung, der zwischen 50- und 64Jährigen. Dadurch dass die geburtenstarken Jahrgänge der „Babyboomer“ allmählich diese Altergruppe „durchläuft“, steigt die Zahl und der Anteil der älteren Erwerbspersonen bis 2025 in fast allen EU-Ländern – zum Teil dramatisch – um dann bis zum Jahr 2050 wieder abzusinken. In der EU-15 nimmt der Anteil der 50- bis 64Jährigen an der Gesamtbevölkerung von 17,9% (2004) auf 21,6% (2025) zu und geht dann zurück auf 18,3% (2050).
Das Ausmaß des Anstiegs der Anzahl älterer Erwerbspersonen ist in den einzelnen EU-Staaten sehr unterschiedlich zu erwarten. Besonders stark wird die Zunahme bis 2025 in Spanien, Griechenland, Italien, Deutschland und Österreich sein. In einigen Ländern wird der Anteil der 50- bis 64Jährigen bis 2050 wieder auf das Niveau von 2004 sinken (in Frankreich, Italien und den Niederlanden), in Schweden, Dänemark und Finnland sogar darunter liegen. Die EU-Staaten werden jedoch nicht nur in unterschiedlichem Ausmaß von dieser Entwicklung betroffen sein, sondern auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten. In Deutschland und Österreich erreicht die Anzahl der 50- bis 64Jährigen vergleichsweise früh ihren Höhepunkt und geht schon ab 2021 bzw. 2023 wieder zurück. In Portugal dagegen ist eine kontinuierliche Zunahme bis zum Jahr 2031 zu erwarten.
Abbildung 3: Die Entwicklung einzelner Altersgruppen der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in der EU und ausgewählten Mitgliedsstaaten 2004-2050
Quelle: INIFES, eigene Darstellung nach Eurostat 2005 (Basisvariante)
Schlussfolgerungen für Smart Region
Während gegenwärtig in einer Reihe europäischer Länder – aufgrund schwach besetzter Weltkriegs-Geburtsjahrgänge (vgl. Coomans 2001) – ein relativ geringer Anteil der über 55-Jährigen am Erwerbsleben beteiligt ist, wird mittelfristig eine viel größere Zahl von Babyboomern der Gruppe älterer Personen im erwerbsfähigen Alter angehören. Die Beschäftigungsquote dieser Bevölkerungsgruppe dann auch noch wesentlich im Vergleich zu heute zu steigern, stellt eine doppelte Herausforderung dar (vgl. European Commission 2003, S. 157 ff.), der allein mit den bisherigen Maßnahmen wohl nicht beizukommen ist.
Sinnvollerweise sollte es bei Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels daher nicht nur um die relativ kurzfristigen Zielsetzungen einer Erhöhung der Beschäftigungsquote bzw. einer Verschiebung des durchschnittlichen faktischen Renten- bzw. Pensionsalters (und damit um eine Fokussierung auf die heute „älteren“ Erwerbspersonen) gehen, sondern es muss gleichzeitig um eine Förderung des aktiven Alterns in mindestens mittelfristiger Perspektive gehen, d.h. gerade um die heute noch unter 50-Jährigen. Kurz: Es geht um Maßnahmen, die nicht nur alters-, sondern auch alternsgerecht sind.
Die Zielgruppe für Aktivitäten zur Bewältigung des demografischen Wandels im Rahmen von Smart Region waren also nicht nur die heute bereits 55- bis 64-Jährigen, sondern es wurden im Sinne des alternsgerechten Arbeitens und des aktiven und gesunden Alterns für alle betrieblichen Altersgruppen entsprechende Maßnahmen entwickelt und umgesetzt.
Siehe auch:

